44 Minuten der Großartigkeit

Kendrick Lamar -  GNX


Das Album des Jahres ist eine Sache, die ich ungern vor Jahresende beantworte. Musik profitiert wie kein zweites Medium von Zeit. Lediglich der Film kann noch ähnlich von Zeit profitieren. So schrieb ja letzten Monat in meiner Kritik zu Chromakopia, dass ich bei den Projekten von Tyler, the Creator immer Zeit brauchte um sie vollständig genießen zu können. Und das hat sich mittlerweile ein erneutes Mal bestätigt. Doch wie so oft gibt es immer Ausnahmen. Und solch eine Ausnahme ereignete sich am Freitag, dem 22. November 2024. Punkt 19:00. Denn niemand geringeres als Kendrick Lamar, mein GOAT, hat gedroppt. Und natürlich habe ich bereits nach dem ersten Hören des Mixtapes, die drei magischen Worte auf der Zunge,
Album. Des. Jahres.

44 minutenlang begeistern mich pure West-Coast-Beats auf insgesamt zwölf Songs. Eine Selektion an Instrumentals die für ein Kendrick Lamar Album definitiv etwas Neues sind. Aber man geht hier dennoch den modernen Weg und nutzt eher den Sound des aktuellen Untergrunds von LA. Vollgestopft mit harten 808s, die beim Hören einfach nur Spaß machen. Es ist wirklich verrückt, dass dieser Mann nach knapp 14 Jahren Rap-Geschichte, mich immer noch überraschen kann. Neue Stimmlagen, neue Flows und neue Beats. Wobei das neu in hier definitiv in Anführungszeichen gesetzt werden. Eigentlich wirkt hier alles wie eine Mischung aus euphoria, 6:16 in LA und Not Like Us. Auch wenn es ein paar Ausnahmen gibt, die eher in die Richtung Rhythm and Blues gehen. Dieser Mischsound ist zwar echt geil und hört sich auch super an, sorgt aber für eine leichte Repetivität während des Songs. Bei den ersten paar malen, wo man das Album hört, fällt das zwar nicht auf und es stört mich auch weiterhin nicht wirklich. Aber das einige Flows aus Not Like Us auf insgesamt drei Songs recycelt werden ist dann doch etwas faul.

Alles andere als Faul ist die Lyrik des Mixtapes. Die Performance auf dem Intro wacced out murals ist einfach nur grandios. Allein wie Kendrick in dieser epischen Atmosphäre mit dem mexikanischen Sample und den Streicher Sound einsteigt, gefolgt von harten Bässen. Textlich steht das Ganze im harten Kontrast zu Mr. Morale and the Big Steppers. Während es vor zwei Jahren noch hieß, "Im not your Savior", ist es heute das Gegenteil. Auf man at the garden stellt er sich als Legende dar und als den größten aller Zeiten. Und meiner Ansicht nicht zu Unrecht. Denn dass er das Recht hat, sich als solchen zu bezeichnen, hat man eigentlich schon vor langer Zeit gewusst.
Aber auch auf diesem Album beweist er es wieder einmal. Während er auf reincarnated sich durch zwei Geschichten von schwarzen Musikern rappt und dabei noch 2Pac mit einem großartigen Sample ehrt, gibt es auf heart pt. 6 schon fast einen Abgesang auf seine Karriere. Im Text wirkt es so als wäre seine aktive Karriere bald vorbei und er möchte mehr im Hintergrund agieren. Letzteres würde auch die Wahl der Features erklären. Vielen kleineren Künstlern wird hier nämlich eine sehr große Bühne geboten. Und die machen ihre Aufgabe echt nicht schlecht. Kein Feature hat mich wirklich gestört und war eher eine sehr gute Ergänzung zum Gesamtwerk.
Im Herzen ist das Album aber vor allem eines. Hip-Hop durch und durch. Eine Dreiviertelstunde pure Unterhaltung, ohne groß nachdenken zu müssen. Einfach Hirn aus Kopfhörer an und dieses Tape hören.

Den viel zitierten Elefanten im Porzellanladen habe ich aber noch nicht angesprochen. Es ist kein erkennbares Konzept erkennbar. Natürlich ist das spanische Gedicht, welches sich durch das Album zieht ein roter Faden, aber eben nur ein sehr dünner. Eventuell noch die Hip-Hop-Culture an sich. Aber sonst? Keine Intros von Whitney Alford, kein "I remember you was conflicted", keine Skits am Ende der Songs. Einfach nur Song an Song. Etwas, was ich nicht unbedingt von einem Kendrick Lamar Album erwartet hatte. Ich glaube aber irgendwie, dass ein weiteres Projekt in näherer Zukunft folgen wird. Die Hinweise sind ja fast nicht zu übersehen. Alleine das neue Snippet im Trailer zu GNX, welches nicht auf dem Album vorkam, sollte Beweis genug sein. Solange genieße ich aber dieses Projekt in vollen Zügen. Kein Track findet sich auf dieser Platte, den ich wirklich schlecht finde.
Und ja ich habe mir die physische Version bereits vorbestellt.

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