Joker: Folie á Deux
Nein das hier wird kein Verriss über Joker: Folie á Deux. Ich bin nicht hier um mich über die Art wie Todd Phillips diesen Film inszeniert und beworben hat zu echauffieren. Ich schreibe nicht diese Kritik um zu sagen, wie schlecht die Entscheidung war ein Musical daraus zu machen. Ich schreibe diese Kritik um zu sagen, dass Folie á Deux mich echt überrascht hat. Natürlich war ich auch von den eher negativ anmutenden Reaktionen leicht beeinflusst. Hatte schon schlechtes oder maximal durchschnittliches erwartet. Mit dem Kritikpunkt der Masse, dass hier ein Musical geboten wird, war ich aber nie einverstanden. Dadurch das ich Musicals eigentlich sogar mag war das für mich sogar eher ein Punkt auf der Habenseite. Man geht hier mit dieser Entscheidung natürlich ein großes Risiko ein. Und ich respektiere, dass Todd Phillips die Eier hatte solch ein Experiment mit einem Charakter zu wagen, der im Internet mittlerweile von einigen angehimmelt wird. Denn dieser Film ist kein Musical im klassischen Sinne. Es ist auch kein klassisches Gerichtsdrama. Im Kern ist es ein knapp 140-minütiger Experimentalfilm. Und meiner Ansicht nach ist das Experiment in sehr großen Teilen erfolgreich.
Ich spreche hier gleich mal den Elefanten im Raum an. Was Gesang angeht, liefert der Film für mich zum großen Teile ab. Lady Gaga ist natürlich fähig zu singen und das merkt man an jeder Ecke. Alles andere wäre ja komisch denn die Frau ist seit mehr als einer Dekade in der Musik-Branche dabei. Joaquín Phoenix war ja schon in Walk The Line ein ganz guter Sänger. Auch hier ist er nicht schlecht, ich fand viele der Solo- als auch Duett-Szenen sehr gut. Aber er trifft oftmals schiefe Töne. Überraschenderweise waren die Songtexte in der Deutschen Synchro nicht Untertitelt. Für mich eine sehr fragwürdige Entscheidung. Natürlich hab ich die Songtexte trotzdem verstanden, aber dennoch ist es möglich, dass ich etwas falsch übersetzt habe. So kann dann mal ganz schnell ein wichtiger Teil der Szene Wegbrechen. Dafür wurden die Szenen sehr gut in den Film eingebunden. Dem Zuschauer wird klar kommuniziert, was in einer Traumwelt spielt, und was nicht. Oft mit direkten Schnitten und auch oft wird einfach mit Farben hantiert. Musical-Szenen wirken oft bunt, kontrastreich und auch ein wenig künstlich. Dazu ist die Erklärung, dass unsere beiden Hauptcharaktere damit der Realität entfliehen können mehr als logisch. Psychologen würden mir sicherlich zustimmen. Zum Abschluss noch eine Sache. Ich hab noch nie gesehen wie so viele Menschen, dass Kino verlassen haben. Sobald ein Song anfing, zu spielen, konnte man dem Saal anmerken, dass die meisten keinen Bock darauf hatten. Drei Personen bzw. Personengruppe haben das Kino bei Beginn einer solchen Szene sichtlich entnervt verlassen. Für mich unverständlich, denn wenn man keinen Bock auf Musicals oder Gesang im Film hat. Warum geht man dann in einen solchen Film überhaupt rein? Es wurde zwar im Marketing vermieden den Film, als Musical zu bewerben (mit Recht denn er ist keins) aber man hätte doch alleine durch Kritiken mitbekommen müssen das hier ausgiebig gesungen wird.
Technisch habe ich hier nichts zu mäkeln. Es gibt hier wieder wunderschöne Shots und Kameraeinstellungen. Ich mag auch die Idee, den Film mit einem animierten Kurzfilm à la Looney Tunes zu starten. Gefolgt von einer wunderschönen Plansequenz durch das Gefängnis während man die Morgenroutine von Arthur Fleck begutachten darf. Wenn ich schon bei Fleck bin, komme ich gleich mal auf Joaquin Phoenix zu sprechen. Der spielt hier auf einem genauso hohen Level wie im Vorgänger. Meine Ansicht nach in manchen Momenten sogar noch ein bisschen besser. Besonders der Wechsel zwischen Fleck und der Persona des Jokers gelingt im in einer bestimmten Szene richtig, richtig gut. Und was der Mann an Zigaretten (echt oder unecht) pro Tag am Set verbraucht haben muss. In fast jeder Szene hat der Mann 'ne Kippe in der Hand. Symbolisch dafür ist, dass die ersten Worte die wir vom Joker hören, „Kann ich eine Zigarette haben“ sind. Method Acting hat Phoenix auch wieder wörtlich genommen. Es ist schon fast gruselig zu sehen wie abgemagert er in einigen der ersten Szenen ausschaut. Doch dann wäre da ja noch seine Komplizin Harley Quinzel. Lady Gaga kann zwar gut singen, doch ist schauspielerisch nur solide. Sie darf gefühlt zu wenig machen und man schöpft nicht ihr komplettes Potenzial aus. Da wär definitiv mehr drin gewesen. Was ich aber an der Figur mag ist wie die Entwicklung von Quinzel dargestellt wird. Je länger der Film andauert, desto mehr verändert sich ihr Äußeres und auch ihre Person. Passend dazu öffnet sie sich dem Joker immer mehr und distanziert sich schlussendlich von ihm.
Und ja, auch das so verhasste Ende fand ich nicht so schlimm wie es gemacht wurde. Natürlich ist der Abschluss nicht optimal, aber sinnvoll für die Figur Arthur Fleck. Seine Geschichte ist nämlich auserzählt und beendet. Es ging während beider Filme darum, wie der Protagonist zu sich selbst findet. Nicht um ein übergeordnetes Ziel als Joker. Daher finde ich auch den Ansatz, dass zwar die aktuelle Inkarnation des Jokers Tod ist, aber die Idee von genau diesem auf jeden, der dies möchte, übertragbar ist, durchaus gut. Man sieht ja bereits im Hintergrund wie der Mörder von Fleck sich mit einem Messer in die Mundwinkel ritzt. Dass man so darstellt, wie das dauerhafte Lachen entsteht ist ja klar erkennbar. Dazu glaube ich schon, dass der Mord klar inszeniert ist. Ich mein urplötzlich ist kein Mensch mehr in diesem Gang und vom Wärter ist keine Spur. Ein Zufall kann das nicht sein. Was ich aber noch an der letzten Szene stark fand, war der Soundtrack von Hildur Guðnadóttir. Sie leistet hier wieder wie im Vorgänger großartige Arbeit. Jede Szene die an sich schon sehr hart und schwer zu ertragen ist, wird durch ihre Arbeit noch schlimmer. Schwere, langgezogene Streicher die perfekt zu diesem innerlich zerrüttetem Menschen Arthur Fleck passen.
Abschließend kann ich nur sagen, dass Folie á Deux nicht an seinen Vorgänger qualitativ herankommt. Dennoch ist der Film mehr als gelungen. Meine Zeit im Kino hab ich echt genossen und merkte die Länge von rund 140 Minuten kaum. Von vielen Momenten war ich oft schockiert, überrascht und schlichtweg einfach begeistert. Genau das wofür ich den ersten Teil auch Liebe. Es ist ein wenig schade, dass die Rezensionen aktuell so negativ sind, denn Joker Folie á Deuxhat meiner Ansicht nach besseres verdient.
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